
Dies ist das Buch von zwei Expertinnen: Die eine hat viel durchlitten und ist daraus als gereifte Frau hervorgegangen, die wunderbare Gedichte und anrührende Texte schreibt. Die andere ist Traumatherapeutin und trägt hier in diesem Buch einige ihrer Erkenntnisse und die ihrer Fachkolleg/inn/en zu mehreren Themen vor. Beide Bereiche des Buches stehen selbstständig nebeneinander. Pauline C. Frei schreibt aus ihrer heutigen Perspektive einer integrierten Erwachsenen über die Zeit, als sie noch eine multiple Persönlichkeit war. Sie berichtet zugleich über die Schwierigkeiten, aus der langjährigen Verstrickung in einen destruktiven Kult auszusteigen. Der von Michaela Huber geschriebene Teil behandelt das, was der Körper durchmacht, wenn er mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) fertig werden muss, liefert eine Auseinandersetzung mit dem “Bösen” in der Psychotherapie und beschäftigt sich mit den Grundhaltungen in der Arbeit mit traumatisierten Menschen.
Von der Qual genesen. Der Körper zwischen Dissoziation und Achtsamkeit
The body keeps the score – der Körper merkt sich alles
Am Anfang war die Bindung
Fühllosigkeit und immer wiederkehrende Qual
Nicht das Trauma macht krank, sondern die PTBS
Die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung
Posttraumatische Belastungsstörung und Sucht: doppelte Probleme
Umgekehrt gilt auch: Krankheit bedeutet (unter Umständen) ein Trauma
Traumatisierte Jungen und Männer: zwischen Depression und Aggression
Was sollten Ärzte und andere Professionelle im Gesundheitswesen bei Menschen mit PTBS bedenken?
Die Affektkette
Vom Umgang mit dem Bösen in der Psychotherapie – eine Herausforderung für PsychotherapeutInnen
Gewalt ist viel zu normal
Sonderfall “Psychopathy”
Krieg und andere Gräueltaten
Was macht uns bei Gewalt so hilflos?
Das Ausmaß von Gewalt erkennen
Auch böse Energie kann man nicht vernichten, nur verwandeln
Zerstörerischen Impulsen nicht nachgeben, sondern sie verändern
Bei Gewalt durch nahe Bindungspersonen: Abstinenz hilft
Reinszenierung von Täter-Opfer-Situationen
(Selbst-)Zerstörung ist gelerntes und gebahntes Verhalten, das auch “verlernt” werden kann
Wertschätzende Arbeit auf der inneren Bühne
Grundhaltungen in der Arbeit mit komplex traumatisierten Menschen. Über das Verhältnis von HelferIn und KlientIn in der Traumatherapie
Frühtraumatisierte sind anders
TherapeutInnen sollten eigene Lebenskrisen überwunden haben
KlientInnen müssen in der Traumatherapie hart arbeiten
Gute Traumatherapie ist eine Ivestition in die Ausbildung der Persönlichkeit
Empathische Abstinenz
Professionelle Aufrichtigkeit
Partnerschaftliches Arbeiten
Fördern und Fordern
Unterschiede beachten, Differenz aushalten
Erwachsene Position – kindliches Leid
Respekt und Achtung
Ressourcen erweitern
Arbeit mit der “anderen Seite”
An der Struktur, aber auch am Trauma arbeiten
TEIL II VON PAULINE C. FREI
Warum lebt sie denn noch?
Warten
Wachstumsschmerz und zugefügter Schmerz
Vergangenheitsgespräche mit meinem Sohn
Was half auf dem Weg?
Komplexität der inneren Wahrheiten
Die dunklen Innenanteile helfen
Zeitlosigkeit – Grenzenlosigkeit
Von Liebe und Würde
Engelsgespräche – Gedichte
Vorbestimmung, Wille, Schicksal
Michaela Huber, geb. 1952, psychologische Psychotherapeutin, Supervisorin und Ausbilderin in Traumabehandlung, 1. Vorsitzende der deutschsprachigen Sektion der ISSD (International Society for the Study of Dissociation).
Pauline C. Frei, geb. 1964, verheiratet, 2 Kinder.
Eine liebevolle, verlässliche Mutter ist die beste Garantie für ein Neugeborenes, gut ins Leben starten zu können, aber auch andere vergleichbar verlässliche und liebevolle Menschen sind wunderbar für ein Kind. Nicht nur, weil es sich dann aufgehoben fühlt und gut gedeiht. Sondern es ist eine “conditio sine qua non”: Ohne sichere Bindungserfahrung geht vieles schief für das Kind. Die An- oder Abwesenheit einer feinfühlig sich auf das Kind ein-”schwingenden” Bindungsperson entscheidet in den ersten Jahren des Lebens darüber, ob ein Überschuss an Nervenzellen, den das Kind genetisch herstellt, auch genutzt wird, oder ob Nervenzellen ungenutzt absterben, ob Synapsen (Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen) gebildet werden oder nicht (Siegel, 1999, 2001). Für viele Kinder, die früh traumatisiert werden, indem man sie schreien lässt, wenn sie in Not sind, oder sie überstimuliert, wenn sie Ruhe brauchen, ist dieses Nicht-Feinfühlige der Mutter und anderer Bindungspersonen, insbesondere dann, wenn sie auch noch mit seelischen Quälereien oder gar körperlichen und/oder sexuellen Misshandlungen einhergeht, ein Desaster.
Um es ganz deutlich auszudrücken: “Blutsbande” sagen gar nichts darüber aus, ob eine Person eine gute Bindungsperson ist. Die eigene Mutter bzw. der eigene Vater sind also nicht automatisch immer auch die besten Bindungspersonen. Vielmehr ist es so, dass ein Kind sich an die Person in seiner Umgebung bindet, die am feinfühligsten ist. Wenn sonst niemand da ist, muss es sich auch an nicht-feinfühlige Menschen binden, etwa an misshandelnde Eltern. Kinder, die Gelegenheit oder eine Wahl haben, ziehen auch wirklich andere Personen vor, etwa eine Oma, Tante oder ältere Schwester. Eine frühe Elternbindung bekommt erst im Laufe der Zeit und Gewöhnung eine gewisse Exklusivität, sodass ein misshandeltes Kind auch dann zu seinen Eltern zurück will, wenn es bessere Bindungsangebote von anderen Menschen bekommt.
Haben HelferInnen das Beste für das Kind im Sinn, dann helfen sie ihm aus der Misshandlungs-Beziehung heraus, auch wenn sich das Kind nach den misshandelnden Elternteilen sehnt und in einem Zeitraum des “Entzugs” häufig nach den Eltern weint. Es gibt allerdings auch Kinder, die nur froh sind, dem Inferno daheim entkommen zu sein, aber auch bei Kindern, die ihre misshandelnden Eltern “bevorzugen”, dürfen HelferInnen nicht glauben, es sei besser, sie blieben daheim. Ein Kind, das misshandelt wird, erleidet nämlich erhebliche Schäden: an Körper und Seele – und sogar an seinem Gehirn. Und: Mehr Misshandlung macht schlimmere Schäden.
Misshandlung kann also die Entwicklungsmöglichkeiten eines Kindes erheblich einschränken, weshalb externe Helfer auch immer eingreifen müssen, wenn ein Kind daheim misshandelt wird. Lernen die Eltern, sich besser zu verhalten – sehr gut. Lernen sie nichts dazu, dürfen sie das Kind nicht unbegleitet weitersehen. Die Bindungsforschung und die Ergebnisse der Entwicklungs-Traumatologie sagen uns zumindest, dass das Kind dann die besseren Bindungspersonen – etwa Pflegeeltern, Adoptiveltern oder verlässliche Bezugspflegepersonen in der stationären Heimerziehung – zu akzeptieren lernen wird und sich besser entwickeln wird, als wäre es bei den misshandelnden Eltern geblieben (Brisch, 2008).
Einem Kind jedoch, das bei misshandelnden Eltern bleiben muss, drohen erhebliche Risiken für die seelische und körperliche Gesundheit. So wird es weit weniger zur Stressmodulation benötigte Nervenverbindungen entwickeln. Ein solches Kind wird aber auch das Vertrauen in andere Menschen verlieren, muss es doch zunächst hilflos als “Geisel” der misshandelnden Eltern warten. Warten, bis jemand kommt. Warten, bis endlich jemand hilft und der unangenehme Zustand aufhört.
Einleitungstext zum Buch von Pauline C. Frei
Nachdem unser erstes Buch „Leiden hängt von der Entscheidung ab“ erschienen war, das ich mit Michaela Huber und mit Bildern von Marlene Biberacher veröffentlicht habe, war mein größter Wunsch erfüllt. Ich hatte etwas weitergeben wollen von meinem Prozess des Suchens und Findens – in einem Leben, das sehr stark durch Schmerzen geprägt war und ist, aber in dem ein Weg sich auftat aus dem Leiden. (Huber und Frei, 2006).
In der Zeit nach Erscheinen des Buches war es mir, als ob eine Tür sich öffnete: Jetzt konnte ich, im Nachhinein, mich an das Betrachten des Dunklen in meinem Leben heranwagen.
Vielleicht war das möglich, weil ich mit Hilfe des ersten, positiven Buches, in dem ich von guten Gefühlen und Reichtum, Licht und Wärme, trotz erlebter Gewalt und trotz erlittenen Traumatisierungen, und auch trotz unheilbarer, letztlich traumabedingter Erkrankung erzählte, meinen sicheren Boden unter den Füßen noch deutlicher spüren konnte. Und vielleicht auch, weil ich nun wusste, dass dieses Wissen und Spüren von mir in der Welt war und es damit klar war, dass mir keiner diesen Schatz mehr nehmen konnte.
Wenn man so wie ich lange Zeit schwer krank ist und immer wieder an den Rand dessen, was aushaltbar und lebbar ist, geschwemmt wird, dann begegnet man dem Leben, und man begegnet dem Tod.
Mittlerweile erscheint mir das Leben durch den Tod, der mir immer weniger fremd ist, immer vertrauter; beide sind gleichermaßen aktuell, wahr und real.
Vielleicht ist es ja diese Abwechslung, ist es all das, was sich mir zeigt, zwischen dem Hiersein und dem Gehen zum Dort, was ich an Neuem erlebe und was ich an Altem erinnere und verarbeite – vielleicht ist es die Summe und die Vielfalt all dessen, was die Situation für mich immer wieder aushaltbar macht und mich trotz aller Agonie nach wie vor neugierig sein lässt. Und dadurch am Leben erhält.
Mein Ende und mein Anfang sind häufig so nah beieinander, dass mir der Übergang schon nahezu fließend erscheint.
Ebenso übergangslos wie das Hier und Dort kommt mir oft das Gestern und das Morgen vor, wäre da nicht die Chance des Moments und die Kraft des Augenblicks, die jedem Jetzt neuen Reichtum verleihen können.
Doch gäbe es nicht die vielen Augenblicke, die den Tag reich und die Nacht weit machen, wären für mich die Tage, – Gestern, Heute, Morgen- kaum voneinander zu unterscheiden. Denn seit langem sind meine Tage, zumindest nach außen hin, immer gleich, weil ich seit Jahren körperlich sehr eingeschränkt lebe.
So ganz stimmt das auch wieder nicht, denn meine Tage unterscheiden sich dramatisch zwischen einem schlimmen, einem erträglichen und ab und an auch einem halbwegs guten, und wenn ich viel Glück habe einem körperlich guten Tag. Diese Skala misst meine Verfassung; und besonders geht es darum, wie sehr die Schmerzen auszuhalten sind.
Was den psychischen Bereich angeht, so haben natürlich mein jeweiliges seelisches Befinden und meine geistige Frische großen Einfluss auf meine Einschätzung der Tagesqualität.
Schon nach den ersten Sätzen, die ich hier geschrieben habe, bemerke ich, dass es in meinem derzeitigen Sein, immer wieder zwischen Leben und Tod kaum, vielleicht sogar nie etwas Eindeutiges oder wirklich Beständiges gibt. Wie ich es auch betrachte: alles hat immer zwei Seiten, mindestens zwei Ansichten und ist immer im Wandel. So bin ich im ständigen Fluss, werde hin- und hergespült zwischen dem Lebensufer und jenem anderen, unbekannten, das sich mir immer mehr – und meist auf gute Weise – zu erkennen gibt.
Daher frage ich mich in letzter Zeit: Hängt Erkenntnis nicht wirklich davon ab, wie ich auf etwas schaue, wie ich es vielleicht auch sehen will, wie ich es jeweils sehen kann, welchen Ausschnitt ich wahrnehme und wie ich damit umgehe?
Und so ist das Thema der jeweiligen Sichtweise und die Tatsache der ständigen Veränderung auch der rote Faden, der sich durch dieses Buch zieht.
Blicke ich zurück und betrachte mein Leben, wie es war und auch wie es jetzt ist, dann weiß ich manchmal nicht, wie das alles aushaltbar war und wie es noch weiter lebenswert sein kann, und doch lebe ich: Mit einer turbulenten Vergangenheit, einer sich mir immer mehr erschließenden Zukunft, zwischen denen der Körper seinen „Häutungs-Kampf“ führt. Im Heute also lebe ich, stets das Ende dieses Lebens vor Augen und auch sehr oft im Gespür.
Wie viele Schmerzen, wie viele Kämpfe und viele Qualen hatte dieses Leben schon, dabei bin ich erst Anfang Vierzig und nicht hundertfünf.
Mein gegenwärtiger Ist-Zustand sieht so aus:Seit nun fast zehn Jahren leide ich an einer neurologischen, bislang unheilbaren Krankheit, die sich sichtbar und spürbar ständig fortschreitend entwickelt.
Angefangen hat die Erkrankung mit muskulärer Schwäche, das Gehen fiel schwer und die Arme wurden kraftlos. Hinzu kamen neurologische Ausfälle und spastische Krämpfe, zuerst nur in den Extremitäten, dann zunehmend in der gesamten äußeren und inneren Muskulatur. Zu Beginn gehorchten mir nur meine Beine nicht richtig und ich hatte wenig Kraft beim Gehen, war schnell müde und gering belastbar.
Zur Schwäche kamen nach wenigen Monaten zunehmend Verkrampfungen der aufsteigenden Muskeln, d. h. immer öfter wurde ich starr und steif wie ein Brett, so konnte ich mich damals, für einige Zeit, kaum mehr bewegen.
Nach jedem Schub blieb etwas mehr Schwäche zurück. Meine Beweglichkeit und Belastbarkeit wurde nach und nach weniger, d.h. sie ging gegen Null.
Wie gut, dass ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass das eine Vorahnung für meinen späterer Dauerzustand sein sollte.
In der Folgezeit breitete sich die Spastik immer weiter im ganzen Körper aus. Die Krämpfe ließen nicht mehr nach, mein Leben wurde immer eingeschränkter und bewegungsärmer. Mittlerweile bin ich motorisch nahezu komplett unbeweglich.
Nun liege ich seit einigen Jahren hier im Bett. Das Schlucken, Kauen und Sprechen wird beständig schwerer, die Atmung setzt in Krisen immer mal wieder aus, und auch die inneren Organe sind mittlerweile betroffen, d. h. der Darm und die Blase machen mir Probleme. Der starke Zug der Spastik und Verkrampfung lässt Wirbelkörper und Rippen einbrechen, die Schmerzspirale dreht sich ohne Unterlass.
Ich liege in meinem Bett, in meinem Zimmer, in unserm Haus und werde überwiegend von meinem Mann und meinen zwei halbwüchsigen Söhnen versorgt, und zwar nach wie vor liebevoll, ein für mich unermessliches Geschenk. Für uns alle bedeutet das ein tagtägliches Rundum-Programm: von der morgendlichen bis abendlichen Grundversorgung über Füttern, Windeln, Waschen, bis zu den medizinisch möglichen und notwendigen Basishilfen.
Es ist erstaunlich und wundervoll, wie gut ich es hier zu Hause habe und wie sicher und wohl behütet ich mich fühle – auch wenn ich meiner Familie gegenüber schon ab und an ein schlechtes Gewissen habe, weil ich wirklich viel Hilfe brauche und sie sehr belaste.
Darum frage ich mich immer wieder einmal: Hätten sie es vielleicht nicht leichter, wenn ich nicht mehr da wäre? Natürlich lässt sich diese Frage nicht wirklich beantworten.
Ich weiß, dass es nicht selbstverständlich ist, was meine „drei Männer“ für mich tun, und ich weiß, dass ich sehr viel Glück habe, so herzlich und optimal daheim versorgt zu werden.
Hingegen muss ich immer wieder feststellen, wie unsicher und auch verletzend sich sehr oft Fremdhilfen, auch Ärzte oder sonstige Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen verhalten, und wie schnell ich dann, nur weil ich körperlich sehr krank bin, in eine medizinische „Rechnung“ einbezogen werde, in der die Gleichung lautet: „Körperliche Krankheit ist gleich psychisches Siechtum“.
So erlebe ich manchmal, dass es für manche Menschen offenbar schwer zu erkennen und zu akzeptieren ist, dass ich mich trotz Kranksein weiter entwickle und wachse, dass meine Form der Existenz auch Leben ist, dass ich in dieser Situation und in meiner Verfassung durchaus auch Sinn und Ziel gefunden habe, dass auch ich geben und nicht nur nehmen kann, und dass ich keine Ratschläge zur Sterbehilfe brauche.
Wie schwierig es doch zu sein scheint, mich da abzuholen, wo ich bin; wie seltsam, dass es Menschen schwer fällt zu erkennen und zu glauben, dass mein Leben für mich trotz allem ein gutes sein kann. Dass manche mein Leben eher Vegetieren nennen würden, ist ihnen anzumerken.
Eine weitere schmerzvolle Erfahrung: Was ich auf meinem Weg erkennen und lernen durfte – sicherlich auch, weil ich aufgrund der Krankheit viel Zeit habe, mich mit mir und dem Leben zu beschäftigen und weil ich bewusst und offen meinen Weg gehe -, trennt mich von vielen Menschen.
Trennt es mich von ihnen, weil sie es so nicht kennen? Oder so noch nicht kennen gelernt haben? Trennt es uns, weil sie selbst Angst haben vor Krankheit und Leid? Weil sie stets darauf bedacht sind, doch etwas gegen eventuelles eigenes Leid und Schmerz tun zu müssen? Weil sie immer etwas tun, ohnehin immer viel tun, vielleicht um zu verdrängen, zu leugnen und besonders, um nicht hilflos zu sein? Weil sie denken: „Ich würde mich sofort umbringen, wenn ich so eine Krankheit hätte?“
Trennt es uns, weil sie nicht verstehen können, wie ich „so“ nur leben kann? Weil „man“ doch so nicht leben kann? Ich weiß nicht genau warum. Das alles sind nur Vermutungen, aber ich spüre und erlebe oftmals eine Kluft zwischen mir und den meisten anderen, und das tut weh.
Und doch wünsche ich mir ab und an, besonders dann, wenn die körperliche Not eine neue Stufe erreicht hat und mein sehr fragiles Aushaltsystem ins Wanken gerät, dass mich jemand an die Hand nimmt und mit mir den nächsten Schritt geht. Damit meine ich: gute Hilfe anbietet, ohne Wertung und Bewertung; mich „einfach“, aber verlässlich unterstützt.
Nein, ich wünsche mir keine Wunderheilung, kein Dauerhandhalten, sicher nicht, denn ich weiß, die Wunder geschehen in mir, und immer an die Hand genommen zu sein, macht unfrei.
Aber ich frage mich schon:
Und was mich fast am meisten bedrückt, weil es um pure Lebensqualität geht: Warum muss ich immer wieder um das so wichtige Schmerzmittel kämpfen (THC – der Hanf-Wirkstoff, der in Form von Marihuana oder Haschisch als illegale Droge gilt, aber gerade bei extremen Nervenschäden nicht nur mir nachweislich die Schmerzen mit am besten dämpft) – nur weil es in keiner zugelassenen Liste steht?
Bei all dem fühle ich mich oft irgendwie verloren, nicht wahrgenommen, weil sich kaum einer die Mühe macht, erst einmal zu zuhören und zu spüren: Was will diese Frau? Was ist ihr Wunsch? Was benötigt sie? Was ist ihr zuzumuten, und was nicht?
Sicherlich wird es in unserem Gesundheitssystem immer medizinische Notfallhilfe geben, aber das ist nicht alles, was ich brauche oder mir wünsche.
Und ich muss erkennen, dass es schwer ist, Menschen zu finden, die wissen und spüren oder sich zumindest darauf einlassen wollen, dass körperlich Kranksein nicht gleich psychisch verzweifelt Sein heißen muss. Die verstehen, dass man nicht immer alles tut, was einem angeboten oder aufgezwungen wird, weil die eigene Alternative eben eine andere ist. Dass es neben der Krankheit des Körpers auch noch etwas ganz Gesundes im kranken Menschen gibt. Und vor allem, dass selbst der Weg zum Tod würdevoll und mit Selbstachtung gegangen werden kann.
Ich musste also erkennen, dass mein Sein mich auch trennt von vielen Menschen…..
Vielleicht ist das der Preis für Entwicklung und Wachstum, denke ich manchmal, wer weiß?
Doch gebe ich die Hoffung nicht auf, und wenn meine Kraft es erlaubt, versuche ich meine Gefühle – auch den Schmerz und das, was schmerzt – zu zeigen und darüber zur reden, und vielleicht ändert sich ja etwas, wenn ich davon erzähle, wie es sich für mich anfühlt.
Es ist ja nicht so, dass ich ganz alleine bin, ich habe ja ein paar liebevolle, treue Begleiter an meiner Seite. Über die Jahre haben mir viele Menschen geholfen, besonders meine langjährige Therapeutin, der ich noch einmal herzlich danken möchte.
Zusätzlich ist seit mittlerweile vielen Jahren Michaela Huber mir eine treue und sichere Begleitung geworden. Im verlässlichen und liebevollen Kontakt mit ihr – meist telefonisch, aber auch per email – konnte ich meinen Weg jeweils weiter suchen und finden. Ihre ruhige Sicherheit, besonders ihr wirkliches Interesse daran, wie ich meine Zeit des Eingebundenseins in die „dunkle Welt“ erlebt habe, wie ich sie heute sehe, erinnere und reflektiere und vieles mehr – alles, was ich in unserem Kontakt erlebe und geschenkt bekam, gab mir zusätzlich Mut, mich doch noch mal aus meinem heutigen Blickwinkel, in Sicherheit lebend, dieser schrecklichen und dunklen Seite meines Lebens zu nähern.
Die Gespräche mit ihr waren immer geprägt von Intensität, Offenheit und Ehrlichkeit und nachdem wir lange Zeit viel über das Sterben und über das Entwickeln gesprochen hatten – eine Zeit, in der meine alltägliche Not oft wichtig und vorrangig war -, und ich immer noch lebte, kam das Gespräch immer wieder auf meine Vergangenheit.
Nach so manchem Gespräch blieb ich mit einer Frage beschäftigt, die mir mit Nachdenken und Nachspüren die nächsten Tage füllte, und die ich dann, im Laufe der nächsten Zeit, zu beantworten versuchte.
Michaela Huber fragte mich zum Beispiel und ich dachte darüber nach, was mir beim Ausstieg aus dem Sumpf geholfen hat; wie es möglich war, mit der Komplexität der inneren vielschichtigen Wahrheiten des Vieleseins zu leben; wie die dunklen Innenanteile auf dem Weg aus dem Schrecken mitgenommen werden konnten; mit welchen Hilfen ich das innere Dunkle annehmen und integrieren konnte, und vieles mehr.
So habe ich im zweiten Teil diesen Buches versucht, einige dieser Fragen zu beantworten, habe mich daran erinnert, was mir half auf dem Weg und wie unlösbar erscheinende Probleme doch irgendwann lösbar wurden, welche äußeren Hilfen mir gut taten, auch was weniger hilfreich war, wie das Wir zu einem Ich wurde und wie das Ich stärker und größer werden konnte.
All das und mehr war plötzlich wichtig, und füllte, in guten Phasen, so manche Tage meines öden Herumliegens. Mein Denken und Fühlen war positiv beschäftigt, ich hatte eine Aufgabe, neben dem Kampf ums Überleben, und das tat mir gut.
Manches Mal allerdings kämpfte ich dann auch noch einmal mit alten Gefühlen, Schmerzen und vertrauten Verletzungen, aber ich konnte darauf zählen, dass alles sich wieder beruhigen wird, und ich hatte keine Angst, dass mein innerer Frieden grundlegend ins Wanken kam. Gelegentlich aber stellte ich überrascht fest, dass das Beschäftigen mit dem, was ich hinter mir gelassen hatte, durchaus noch einmal sehr anstrengend sein konnte.
Eines aber konnte ich deutlich spüren: Es war für mich so wichtig, sogar eine Grundvoraussetzung, dass ich zuerst die guten Gefühle und den Schatz, den ich gefunden hatte, mit den Gedichten im „Leiden-Buch“ offen und öffentlich zeigen und weitergeben konnte. Das war die Voraussetzung, um mich nun aus einer besonders für mich und ich hoffe auch für die Leser, sicheren Position und positiven Perspektive – ohne das Schubladendenken: „Erlebtes Trauma ist abgründig und bodenlos, damit muss man für immer und ewig ein armes hilflose Wesen sein“ – dem Finstern noch einmal betrachtend und reflektierend zu nähern.
Mir geht es also nicht darum, von schlimmen Details zu berichten, das möchte und werde ich nicht tun. Sondern ich möchte Mut machen, dass es sich lohnt, sich aus dem Dunklen zu lösen und den Weg ins Helle, in Beziehung, Kontakt und Sicherheit zu suchen. Nach dem „Leiden“-Buch haben mich viele gefragt, was mir auf dem langen Weg wohl geholfen hat, ob ich meinen Söhnen etwas von dem Erlebten erzählt habe, wie ich vom Dunklen ins warme Helle gekommen bin und ob ich auch alles in mir mitgenommen habe auf dem Weg. Ja, alles ist mit gekommen, und es war nicht leicht, aber jenseits meiner Krankheit – wenn auch durch sie beeinflusst, im Schlechten wie im Guten – gibt es eine Geschichte, die zu erzählen und über die nachzudenken sich vielleicht lohnen könnte.
Dennoch will ich immer noch nicht von dem jahrelang erlebten Horror erzählen und schon gar nicht von einzelnen sadistischen Szenarien, sondern vielmehr davon, was es mit mir gemacht hat, besser: was ich damit gemacht habe. Und besonders möchte ich berichten von meinem Sieg, vom Gewinnen, und möchte erzählen, wie ich den langen Weg heute sehe und erlebe und wie ich das Licht und das Wachstum in mein Inneres lassen konnte.
Begonnen hat dieser Weg mit Gesprächen, die ich mit meinen Söhnen geführt habe.
Zuerst war z.B. unser Thema die verschiedenen Zeitwahrnehmungen, die klaffende Schere zwischen dem Leben des normalen, hektischen Alltagsmenschen und meinem Leben, das so oft vom ewigen Warten geprägt ist. Dann sprachen wir über „das Fliegen in die weite Welt“, also über Imagination und Transzendenz, das war gar nicht so einfach für mich und meinen damals 14 jährigen Sohn.
Erst nach und nach näherte ich mich mit meinem größeren Sohn Phil meiner Vergangenheit. Lange hatte ich große Angst und keine Ahnung, wie ich den Kindern je etwas von meiner Geschichte erzählen sollte, und dann passierte es einfach, das Thema war da und es war für mich und für sie offenbar der richtige Zeitpunkt.
Mit diesen Fragen, Gesprächen und Texten öffnete sich ein Spalt weit eine Tür, die mir einem neuen Zugang zu meiner Geschichte, dem was ich erlebt und erlitten hatte, ermöglichte.
Bis zu diesem Zeitpunkt wollte ich nicht noch mal hin zu dem, was all die Jahre passiert war, denn ich hatte zum einem Angst, das dünne Eis, auf dem ich mich befand, könnte einbrechen. Zum anderen war mir der Gedanke noch nicht gekommen, dass eine positive Reflexion dessen, was mir geholfen und mich gerettet hatte, denen, die noch leiden und den Helfern, die den Weg begleiten, vielleicht etwas bedeuten könnte.
An dieser Stelle möchte ich in kurz erzählen, worüber ich reden werde und was ich mit erlebtem Horror, Gewalt und Trauma meine. Es sei mir erlaubt, dass ich keine Details erwähne und denke auch, dass die Leser darauf verzichten können, zumal es dazu schon genug Literatur gibt. Ich möchte nur knapp den Rahmen abstecken, um Spekulationen zu begrenzen und um die Leser mitzunehmen auf den Weg.
Viele Jahre lang lebte ich streng eingebunden, auf Schritt und Tritt kontrolliert, in einer sadistischen Gruppe von Menschen. Dort gab es keine Liebe und keine Wärme, weder Halt noch Fürsorge, dafür aber viele Zwänge, viel Dunkles, Machtvolles und Gewalt in jeder Form.
Ein ganzheitliches Ich konnte in mir auf diese Weise nicht wachsen, wie auch, das wurde nie gefördert, sondern sogar bewusst nicht zugelassen. Es entstand ein Vielesein. Dissoziation rettete mir das Leben.
Es folgte ein jahrelanger Kampf um jeden noch so kleinen Fetzen Kontrolle und ums reine Überleben, was nicht ohne Zerstörung und große Verzweiflung einherging. Die Aufspaltung wurde im übrigen von den Tätern benutzt, um sich in mir innere loyale Helfer zu sichern (dazu mehr im Teil: „Zu den dunklen Innenanteilen“).
Nach den vielen eingesperrt und ausgeliefert zugebrachten Höllenjahren und dem tagtäglichen Kampf ums Überleben, folgte ein mindestens noch einmal so langer, schwerer und steiniger Weg, bis auch nur ansatzweise von innerer und äußerer Freiheit gesprochen werden konnte, und bis – über das Zwischenstadium des „Wir-Gefühls“ – das kleine Ich-Pflänzchen sich zögerlich und ängstlich traute, ganz langsam, und mit großen Portionen äußeren liebevollem Halts und Schutzes, die nie genug, aber immer zu viel waren – dieses Ja und Nein, das Hin und Her war ja ein typisches Zeichen der inneren Zerrissenheit und Ambivalenz – bis also das Pflänzchen „Ich“ selbständig und mit Achtung zu wachsen beginnen konnte.
Zuerst stand Befreiung, Distanzierung, Lösen aus der dunklen Szene an. Doch sich zu lösen von dem, was jahrelang das Zuhause war und von dem, was – wenn auch nur gewaltvoll und böswillig, aber dennoch wenigsten irgendeinen – äußeren Rahmen und Halt bot, war alles andere als einfach, zumal diese Menschen viel daran setzten, ich solle im Bann des Dunklen bleiben.
Ich musste also, sollte und wollte mich lösen und befreien von diesen Kontakten und der dunklen Welt, aber wie hätte ich irgendjemandem anderen trauen können? Woran sollte ich erkennen, wer es wirklich gut mit mir meinte?
Wie sollten alle Innenanteile diesen Weg mitgehen?
Wie konnte Vertrauen möglich sein, wenn man das Wort nicht einmal kannte, und erst recht nie einen Hauch des dazugehörigen Gefühls gespürt hatte?
Letztlich waren es menschliche Begegnungen, manche hilfreich, manche unzulänglich, aber immerhin gutwillig, die mir halfen. All diesen Menschen, die mich sahen, mir ihre Hand reichten und mich ein Stück meines Weges begleiteten, bin ich heute noch unendlich dankbar.
Letztlich müssen wir Menschen unseren Weg allein gehen. Doch so verlassen im Dunklen, wie ich mich als Kind gefühlt habe, werde ich nie wieder sein. Nicht im Äußeren, und nicht im Inneren, denn ich habe gelernt, alles in mir wertzuschätzen und das Verletzliche und Verletzte in mir liebevoll anzunehmen. Was auch immer dies möglich gemacht hat, ein Wunder ist es allemal.
In meiner äußersten Not habe ich gelernt, auch auf das „Gute jenseits von uns“ zu hoffen, meine Blicke dorthin zu richten. Ich sehnte mich danach, es zu spüren, und ich bekam eine Antwort. Dieses Geschenk ist vielleicht das Schönste von allen: Das Gefühl, wohin es für mich auch immer geht – es geht ins Licht.
Im Spätsommer 2008 Pauline C. Frei